Reden 2023

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29. Juli 2023

Bern Pride 2023

De­mo­re­de an der Bern Pride von Ta­ma­ra Fu­ni­ci­el­lo (Na­tio­nal­rä­tin und Vor­stands­mit­glied der LOS)

Liebe Fa­mi­lie, liebe Bit­ches, But­ches, Dykes and Divas, liebe Les­ben, liebe Fags und Tun­ten, liebe Gays und Bi­se­xu­als, liebe trans Ge­schwis­ter liebe do­mi­nan­te Femmes und soft Mascs, liebe Tom­boys, liebe Bears and Twinks, liebe Tops, liebe Bot­toms, und liebe Swit­ches, liebe Re­gen­bo­gen­fa­mi­li­en, liebe Po­ly­kü­le, liebe aro­man­ti­sche, ase­xu­el­le und inter Men­schen, liebe so­li­da­ri­sche He­te­ros, liebs Bärn! Es ist so schön, heute mit euch hier zu sein! Offen, stolz und di­vers.

Ganz spe­zi­ell möch­te ich die Queers unter uns be­grüs­sen, die heute das erste Mal an einer Pride über­haupt sind, die das erste Mal diese wun­der­schö­ne Er­fah­rung ma­chen dür­fen! Schaut euch um, Baby Queers – das ist eure neue Fa­mi­lie. Sie ist viel­fäl­tig und far­big, sie ist biz ver­rückt und nor­mal fas­sen wir ei­gent­lich als Schimpf­wort auf.

Hier fin­det ihr euer Zu­hau­se, wenn ihr eins ge­sucht habt, eure Lieb­ha­ber*innen, eure Part­ner*innen, euer Freund*innen, die Men­schen, die zum Glück euer Leben prä­gen wer­den. Und wenn euch das jetzt alles ein biss­chen über­for­dert – dann ist das ok. Mich hat es an­fangs auch über­for­dert.

Ich er­in­ne­re mich, als ich an mei­ner ers­ten quee­ren Party war. Ich tat nichts an­de­res als mich am Rand der Tanz­flä­che auf­zu­hal­ten und mit gros­sen Augen den ele­gan­ten Drag­queens zu­zu­schau­en, wie sie durch die Menge fla­nier­ten, süsse Twinks beim Flir­ten be­ob­ach­ten und But­ches an­zu­him­meln.

Seit­her ist viel Was­ser die Aare her­un­ter­ge­flos­sen – und nun weiss ich auch, dass nicht alle Men­schen, Frau­en ein­fach schö­ner fin­den. Ich weiss heute, wer ich bin, ich weiss, wen und was ich will. Und ich stehe offen und stolz dazu. Dies vor allem dank euch, dank die­ser wun­der­ba­ren Com­mu­ni­ty, die wir ge­wähl­te Fa­mi­lie nen­nen, dank Vor­bil­dern, dank Vor­kämp­fer*innen.

Doch die he­te­ro und cis nor­ma­ti­ve Ge­sell­schaft, in der wir leben, hat es uns nicht ein­fach ge­macht, die­sen Weg zu gehen. Wenn ich ge­fragt werde, wie es war mich öf­fent­lich zu outen – ich war da­mals JUSO Prä­si­den­tin – dann sage ich meist, dass ich mir über­legt habe, wie ich am bes­ten allen klar mache, dass ich eine Lesbe bin. Und dass mir schien, eine Push­nach­richt in allen Zei­tun­gen die­ses Lan­des sei die ef­fi­zi­en­tes­te Da­ting­stra­te­gie. So viel zum Thema: es in­ter­es­siert doch nie­man­den, ob du queer bist oder nicht. Genau Ro­land.

Doch das ist nur die halbe Wahr­heit. Die an­de­re Hälf­te ist, dass ich Angst hatte. Ich hatte Angst mich zu outen. Ich hatte Angst vor der Stig­ma­ti­sie­rung, ich hatte Angst vor Vor­ur­tei­le à la: ah lo­gisch, die klei­ne Fe­mi­nis­tin steht auf Frau­en, er­klärt viel. Als würde mich den Fakt, dass ich eine Frau liebe her­ab­wer­ten. Ich hatte Angst an Glaub­wür­dig­keit zu ver­lie­ren. Ich hatte Angst von der Re­ak­ti­on mei­ner süd­ita­lie­ni­schen Ver­wand­ten, ge­nau­so wie von denen aus dem See­land. Ich hatte Angst, von der Ge­walt und vor der Se­xua­li­sie­rung. Und wenn wir die Kom­men­ta­re, die An­grif­fe der letz­ten Tagen auf einen Event wie die Eu­ro­ga­mes be­ob­ach­ten, dann ist diese Angst lei­der nicht un­be­rech­tigt.

Doch Angst, bringt uns nicht wei­ter. Um es in den Wor­ten von Audre Lorde zu sagen:

«We are power­ful, be­cau­se we have sur­vi­ved».

Wir las­sen uns nicht ein­schüch­tern, wir las­sen uns nicht weg­dis­ku­tie­ren, wir las­sen uns nicht un­sicht­bar ma­chen.

Liebe Baby Queers, liebe An­we­sen­de – die Pride ist nicht ein Wer­be­e­vent für Fir­men und nicht nur eine gros­se Party. Die Pride ist die Zeit, in der wir uns an die Kämp­fe er­in­nern, die un­se­re Vor­kämp­fer*innen ge­führt haben. Wir er­in­nern uns daran, dass wir wegen un­se­rer Liebe ge­stor­ben sind, in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger der Nazis, dass wir ver­rot­tet sind in Ge­fäng­nis­se in New York und Zü­rich, dass wir fi­chiert, ge­jagt, ge­de­mü­tigt und aus­ge­grenzt wur­den. Und wir er­in­nern uns daran, dass wir all dem zum Trotz nicht auf­ge­ge­ben haben – und nie auf­ge­ben wer­den.

Es ist der Tag, an dem wir uns er­in­nern, dass un­se­re Ge­schich­te, die Ge­schich­te eines Frei­heits­kamp­fes ist, die Ge­schich­te von Mut und von Wi­der­stand. Wir er­in­nern uns, dass wir auf den Schul­tern von trans women of color ste­hen, wir er­in­nern uns daran, dass wir ihnen all un­se­re Frei­heit zu ver­dan­ken haben. Denn sie haben die erste Pride ver­an­stal­tet. Wir er­in­nern uns daran, wie viel es noch zu tun gibt – und dass kein Recht je si­cher ist, dass Ge­schich­te nicht ein­fach li­ne­ar ist und alles ein­fach bes­ser wird, dass wir ver­tei­di­gen müs­sen, was wir haben.

Wenn ich lesen muss, dass ge­wis­se Men­schen sagen, man soll die Pride nicht für po­li­ti­sche An­lie­gen «miss­brau­chen», dann frage ich mich schon, ob diese Leute sich er­in­nern, wofür wir ei­gent­lich hier ste­hen. Wir müs­sen uns be­wusst sein, dass un­se­re Frei­heit, un­se­re Si­cher­heit und un­se­re Rech­te ge­ra­de welt­weit in Frage ge­stellt wer­den – und zwar von Re­pu­bli­ka­ner, von rech­ten Au­to­kra­ten und neo­fa­schis­ti­schen Par­tei­en. In Ugan­da reicht der Ver­such einer se­xu­el­len Hand­lung mit einer gleich­ge­schlecht­li­chen Per­son für eine 10-​jährige Frei­heit­stra­fe. In den USA hat sich die Hetze gegen trans Per­so­nen, LGBT-​Kinder und Re­pro­duk­ti­ons­re­che neue Di­men­sio­nen er­reicht. Und die hier­sie­gen Me­di­en nen­nen es «Woke De­bat­te» statt Ver­fol­gung. In Ita­li­en ver­lie­ren les­bi­sche Müt­ter ge­ra­de das Recht auf ihre Kin­der. Sie dür­fen nicht mehr mit den Kin­dern, die sie gross­ge­zo­gen haben zum Arzt, oder sie von der Schu­le ab­ho­len.

Sie neh­men uns ge­ra­de un­se­re Kin­der weg. Gior­gia Me­lo­ni nimmt uns un­se­re Kin­der weg.

E ques­to e per lei, si­gno­ra Me­lo­ni:
Sono una donna, amo un’altra donna, ma non per ques­to sono meno donna!

E si, anche noi siamo Madri!

Sia co­sci­en­te del fatto, che at­tacan­do le nost­re so­rel­le e I loro bam­bi­ni in Ita­lia, ha at­tac­ca­to tutte noi. So­li­da­ri­tät mit un­se­ren Schwes­tern in Ita­li­en! Die Pride ist po­li­tisch. Die of­fi­zi­el­len Schweiz, muss dies klar und deut­lich ver­ur­tei­len. Wir müs­sen Po­si­ti­on be­zie­hen für eine Welt ohne Ge­walt und Dis­kri­mi­nie­rung, wir müs­sen die­sen Fa­mi­li­en, die­sen Men­schen Zu­flucht ga­ran­tie­ren.

Queer­feind­lich­keit muss end­lich ein Asyl­grund wer­den. Denn nie­mand von uns ist frei, so­lan­ge wir nicht alle frei sind.

Nie­mand von uns ist si­cher, so­lan­ge wir nicht alle si­cher sind. Darum ste­hen wir heute hier. Nicht nur für uns – son­dern für all die, die heute nicht hier ste­hen kön­nen. Die sich ver­ste­cken und ver­stel­len müs­sen. Die Angst haben müs­sen.

Und gleich­zei­tig wis­sen wir, dass auch in der Schweiz vie­les nicht gut ist. Trotz Re­gen­bo­gen­fah­nen und Wer­be­pla­ka­te mit Les­ben drauf. Denn un­se­re trans Ge­schwis­ter ver­lie­ren nach wir vor ihren Job, wenn sie ihr co­ming out haben, die Selbst­mord­ra­te von LGBT­QAI+ Ju­gend­li­che ist 7-mal höher ist als die von cis he­te­ro Ju­gend­li­che, Les­ben sind he­te­ro Paa­ren punk­to Schut­zes ihrer Kin­der nach wie vor nicht gleich­ge­stellt, nach wie vor müs­sen wir un­se­re Kin­der ad­op­tie­ren. Schwu­le Män­ner wer­den an­ge­fein­det und an­ge­grif­fen – aus dem ein­fa­chen Grund, dass sie nicht die Männ­lich­keits­vor­stel­lung der Ge­sell­schaft er­fül­len. Und nach wie vor leben wir in einer Ge­sell­schaft, die es nicht schafft, mehr als 2 Ge­schlech­ter an­zu­er­ken­nen.

Es geht darum, dass es nicht reicht, paar Fah­nen im Juni raus­zu­hän­gen – wenn man gleich­zei­tig im Ver­wal­tungs­rat Po­li­ti­ker hat, die be­reit sind Hor­mon­the­ra­pien für trans Ju­gend­li­che in Frage zu stel­len. Es geht um Macht, es geht um Res­sour­cen und es geht um Un­ter­drü­ckung. Es geht darum, dass ich immer noch die ein­zi­ge ge­oute­te Frau im Schwei­zer Par­la­ment bin und erst die zwei­te in der Ge­schich­te. Und dass Trans­per­so­nen noch nie ver­tre­ten waren.

Die Pride ist po­li­tisch. Un­se­re Liebe und un­se­re Be­zie­hungs­for­men sind po­li­tisch, weil sie die herr­schen­de Norm in Frage stel­len durch ihre schie­re Exis­tenz. Un­se­re Kör­per und Gen­der­ex­pres­si­ons sind po­li­tisch, weil wir nicht be­reit sind, uns den gän­gi­gen Vor­stel­lun­gen zu un­ter­wer­fen. Un­se­re Ge­schlechts­iden­ti­tä­ten sind po­li­tisch – weil die meis­ten Men­schen in die­ser Ge­sell­schaft nicht mal wis­sen, was das ei­gent­lich ist. Die Pride ist po­li­tisch – und wir sind nicht ein­fach ein dum­mes Wer­be­pu­bli­kum für ka­pi­ta­lis­ti­sche In­ter­es­sen. Quee­re Un­ter­drü­ckung geht Hand in Hand mit Se­xis­mus, Ras­sis­mus, Klas­sis­mus.  Un­se­re Be­frei­ung geht dem­entspre­chend Hand in Hand mit den fe­mi­nis­ti­schen und an­ti­ras­sis­ti­schen Be­frei­ungs­be­we­gun­gen.

Liebe Ba­by­queers, liebe An­we­sen­de – wir sind heute hier, um uns zu fei­ern, um uns zu er­in­nern aber auch weil wir eine Auf­ga­be zu er­fül­len haben. Wir haben die his­to­ri­sche Auf­ga­be den Kampf wei­ter­zu­füh­ren, den die Ge­ne­ra­tio­nen vor uns be­gon­nen haben, wir haben die Auf­ga­be Pri­vi­le­gi­en für alle zu er­kämp­fen, wir haben die Auf­ga­be die Welt zu einem si­che­ren Ort für alle zu ma­chen. Wir müs­sen Vor­bil­der sein, für die, die kom­men, si­che­re Hafen für die, die Schutz brau­chen, und Vor­rei­ter*innen einer bes­se­ren Zu­kunft. Hier, heute und jeden an­de­ren Tag – las­sen wir also die Angst hin­ter uns. Stolz hin­zu­ste­hen, der Welt zu zei­gen, wer wir sind, uns nicht zu ver­ste­cken, ist nicht nur die beste Ent­schei­dung un­se­res Le­bens – es ist eben auch eine Kampf­an­sa­ge an das Sys­tem. We, we are the next Ge­ne­ra­ti­on for queer­fe­mi­nist Li­be­ra­ti­on. Wir wer­den stö­ren, bis sie uns hören und uns die Frei­heit und Si­cher­heit neh­men die uns, zu­steht!

Ven­ce­re­mos. Dan­ke­schön und Happy Pride!

1. Juli 2023

Queer joy für Basel

De­mo­re­de für Basel tickt Bunt von Ales­san­dra Wid­mer (Co-​Geschäftsleiterin der LOS)

Danke, dass ihr da seid. Meine Name ist Ales­san­dra und ich bin Teil der Les­ben­or­ga­ni­sa­ti­on Schweiz und quee­re Bas­le­rin. Es ist ein Teil mei­nes Jobs, vor Leu­ten zu spre­chen. Da­zu­ste­hen, und zu sagen, was Sache ist. Mutig zu sein und meine Stim­me zu er­he­ben. Und das immer mög­lichst po­si­tiv und em­power­nd.

Beim Vor­be­rei­ten die­ser Rede habe ich ge­merkt, dass ich das ge­ra­de nicht kann.

Ich bin müde.

Ich bin wü­tend.

Und ich habe Angst.

Müde, wü­tend und ängst­lich zu sein ist nicht mein Stel­len­pro­fil, aber meine Le­bens­rea­li­tät als Lesbe in Basel. Und es nicht nur meine Le­bens­rea­li­tät, son­dern auch die von mei­nen quee­ren Freund*innen, Mit­be­woh­ner*innen, Be­zie­hungs­men­schen,  mei­nen Bü­ro­g­s­pänd­lis und viel­leicht auch ei­ni­gen von euch hier.

Wir durf­ten in den letz­ten Jah­ren ei­ni­ge po­li­ti­sche Er­fol­ge fei­ern – vor allem Les­ben, Bi­se­xu­el­le und Schwu­le. Heute vor einem Jahr wurde die Ehe für alle ein­ge­führt. Was jetzt auf uns war­tet, sind aber keine Lor­bee­ren, auf denen wir uns aus­ru­hen kön­nen.

Was jetzt auf uns war­tet, ist die SVP, die mit trans­feind­li­chen Schlag­wor­ten Wahl­kampf be­treibt.

Was jetzt auf uns war­tet, sind neue an­stren­gen­de Dis­kus­sio­nen beim Fa­mi­li­en­z­nacht.

Was jetzt auf uns war­tet, sind schau­lus­ti­ge Me­di­en, die zei­gen wol­len, wie ge­spal­ten un­se­re Com­mu­ni­ty ist.

Was jetzt auf uns war­tet, sind Nazis, die Vor­le­se­stun­den und Pride-​Demos stö­ren.

So ganz neu ist das alles na­tür­lich nicht. Aber die Lage hat sich zu­ge­spitzt. Der Backlash ist jetzt. Die quee­re Com­mu­ni­ty ist heute so sicht­bar und so ein­fluss­reich wie noch nie. Aber das macht uns auch an­greif­bar.

An etwas glau­be ich: Frü­her oder spä­ter wer­den wir uns durch­set­zen. Wir wer­den ge­win­nen. Wir wer­den die Rech­te, die frü­he­re Ge­ne­ra­tio­nen für uns erstrit­ten haben, ver­tei­di­gen kön­nen. Und wir wer­den uns die Rech­te er­strei­ten, die wir noch brau­chen.

Das Ver­bot von ge­schlechts­ver­än­dern­den Ein­grif­fen an in­ter­ge­schlecht­li­chen Kin­dern.

Den drit­ten Ge­schlechts­ein­trag.

Die Un­ter­stra­fe­stel­lung von Kon­ver­si­ons­mass­nah­men

Die volle Ab­si­che­rung von un­se­ren Be­zie­hun­gen und Fa­mi­li­en.

… und – nicht zu­letzt: das er­wei­ter­te Bas­ler Gleich­stel­lungs­ge­setz.

Liebe Queers, liebe Les­ben, Bi­se­xu­el­le, Schwu­le, liebe trans Men­schen, liebe nicht-​binäre Men­schen, liebe in­ter­ge­schlecht­li­che Men­schen, liebe ase­xu­el­le und aro­man­ti­sche Men­schen: Das alles wird ein har­ter Kampf. Wir wer­den uns ge­gen­sei­tig stüt­zen müs­sen. Wir wer­den zu­sam­men hal­ten müs­sen, wie noch nie.

Und: Wir wer­den star­ke Al­li­an­zen brau­chen – nicht nur in­ner­halb der Com­mu­ni­ty.

Und darum Liebe Ver­bün­de­te, die heute hier sind: danke, dass ihr es seid, denn wir brau­chen euch jetzt drin­gend. Steht für uns ein. Und zwar für alle von uns: nicht nur für die, die eine Traum­hoch­zeit ver­an­stal­ten, son­dern auch für die, deren Queer­ness ihr nicht auf An­hieb ver­steht.

Zäme hebe, ein­ste­hen für­ein­an­der, dass müs­sen wir jetzt alle:

Cis Per­so­nen für trans Per­so­nen.

En­do­ge­schlecht­li­che für In­ter­ge­schlecht­li­che Men­schen.

He­te­ros für Homos und Bis.

Die ohne Kin­der für Re­gen­bo­gen­fa­mi­li­en.

Nicht-​Queers für Queers.

Und üb­ri­gens auch:

Die mit Schwei­zer Pass für die ohne.

Die, die kei­nen Ras­sis­mus er­fah­ren für die, die das tag­täg­lich tun.

Die, die vom Pa­tri­ar­chat pro­fi­tie­ren für die, die davon be­trof­fen sind.

Die ohne Be­hin­de­run­gen und chro­ni­sche Krank­hei­ten für die mit.

Die mit den hohen Löh­nen, für die mit den tie­fen.

Wir wer­den zu­sam­men müde, wü­tend und ängst­lich sein, um zu­sam­men glück­lich und frei zu wer­den.

Unser aller Ein­satz ist be­glei­tet von all die­sen Ge­füh­len. Und sie alle sind le­gi­tim und sie alle brau­chen Platz. Ge­ra­de jetzt auch diese Angst, diese  Ent­täu­schung, und diese Wut. Aber auch das Glück und die Hoff­nung sol­len Raum be­kom­men.

Denn: Die quee­re Com­mu­ni­ty hat schon immer nicht nur das ei­ge­ne Un­glück und die Miss­stän­de zum Po­li­ti­kum ge­macht. Son­dern auch das ei­ge­ne Glück.

Ich habe diese Rede mit mei­ner Angst und mit mei­ner Wut be­gon­nen. Ich möch­te sie mit euren Glücks­ge­füh­len, mit eurer “queer joy” be­en­den. Denn unser Glück, für das wir kämp­fen, ist Teil un­se­res Wi­der­stands. Queer joy ist unser Motor, un­se­re Über­le­bens­stra­te­gie.

Darum habe ich viele quee­re Men­schen in Basel ge­fragt, was queer joy, quee­res Glück für sie be­deu­tet. Und ich möch­te euch ihre Ant­wor­ten vor­le­sen.

  • Queer joy be­deu­tet für mich, mich für das erste Mal im Spie­gel zu er­ken­nen und zu wis­sen, dass an­de­re Men­schen mich end­lich so sehen wie ich mich immer ge­se­hen habe.
  • Queer joy be­deu­tet für mich, Filme zu schau­en, in denen quee­re Le­bens­rea­li­tä­ten ge­zeigt und ze­le­briert wer­den.
  • Quee­res Glück ist für mich, wenn quee­re Men­schen in safen Räu­men auf­blü­hen.
  • Queer joy be­deu­tet für mich, Hand in Hand mit mei­nen Fri­ends durch die Stadt zu lau­fen.
  • Queer joy be­deu­tet für mich, sagen zu kön­nen, dass ich queer bin und mich dabei stolz zu füh­len.
  • Quee­res Glück ist für mich, ge­mein­sam an der Pride mit mei­nem Bru­der im Arm zu einem Katy Perry Song zu wei­nen.
  • Queer joy be­deu­ted für mich, ohne Dys­pho­rie vor an­de­ren Queers oben ohne zu chil­len.
  • Quee­res Glück be­deu­tet für mich, zu sehen, dass ich nicht al­lei­ne bin und den Sup­port einer wun­der­schö­nen Com­mu­ni­ty habe.
  • Queer joy be­deu­tet für mich, wei­nend in den Armen von an­de­ren Queers zu lie­gen, wenn alles zu viel ist.
  • Queer joy be­deu­tet für mich, am Diens­tag in die Zisch­bar zu lau­fen und so viele Mensch la­chen zu sehen.

Wenn wir heute alle zu­sam­men zu die­ser Demo auf­bre­chen, dann kämp­fen wir nicht nur gegen den Backlash und die Welt und ihre Nor­men. Wir kämp­fen auch für unser Glück.

Wir wer­den so lange wei­ter­ma­chen, bis alle Queers diese Glücks­mo­men­te füh­len dür­fen.

Und wir wer­den so lange wei­ter­ma­chen, bis es nicht mehr nur Mo­men­te sind.

17. Juni 2023

Ge­mein­sam sind wir stark

Rede an der Zu­rich Pride von Sa­lo­me Tra­fe­let (Co-​Geschäftsleiterin) und Anna-​Béatrice Schmaltz (Vor­stands­mit­glied)

Schön seid ihr da! Wir freu­en uns, hier zu sein! Wir, das sind Anna-​Béatrice Schmaltz und Sa­lo­me Tra­fe­let von der Les­ben­or­ga­ni­sa­ti­on Schweiz. Bei der LOS kämp­fen wir für die Rech­te von Les­ben, Bi­se­xu­el­len und quee­ren Frau­en in der Schweiz – und wir tun das stolz, sicht­bar und fe­mi­nis­tisch!

Was für ein tol­les Ge­fühl, mit meh­re­ren 10’000 Queers durch Zü­rich zu zie­hen, oder? Seid ihr auch be­rauscht von die­sem Tag vol­ler Glit­zer und Gän­se­haut?

Heute sind wir sicht­bar, heute sind wir Viele, heute ist die ganze, viel­fäl­ti­ge Com­mu­ni­ty bei­sam­men. Wir baden im Ge­fühl des Zu­sam­men­halts und der Com­mu­ni­ty. Was wir heute er­le­ben und was mich heute auf der De­mons­tra­ti­on durch Zü­rich so glück­lich ge­macht hat, sind Quee­re Freu­de und So­li­da­ri­tät.

Und genau dar­über spre­chen wir heute: So­li­da­ri­tät. Wieso? Warum ist So­li­da­ri­tät etwas Wich­ti­ges? So­li­da­ri­tät be­deu­tet für mich, Seite an Seite mit an­de­ren Men­schen, mit an­de­ren Grup­pen zu­sam­men­zu­ste­hen und für­ein­an­der ein­zu­ste­hen.

Kennt ihr den Slo­gan: “A day wit­hout les­bi­ans is like a day wit­hout sunshi­ne?” Ein Tag ohne Les­ben ist wie ein Tag ohne Son­nen­schein. Ich finde ihn gross­ar­tig. Kennt ihr auch die Ge­schich­te da­hin­ter? In den 70er gab es in den USA eine be­rühm­te Marketing-​Kampagne: Break­fast wit­hout oran­ge juice is like a day wit­hout sunshi­ne. Das Pro­blem: Das Aus­hän­ge­schild der Kam­pa­gne, Anita Bryant – be­kämpf­te in Flo­ri­da die LGBT-​Bewegung, die für ihre Rech­te ein­stand. Dar­auf­hin hat sich die Com­mu­ni­ty ge­wehrt und so­li­da­risch ge­zeigt: Wäh­rend Jah­ren wur­den in gay bars in den USA keine Drinks mit Oran­gen­saft mehr an­ge­bo­ten. Und mit viel Krea­ti­vi­tät haben Queers den Marketing-​Slogan einer ho­mo­pho­ben Per­son in einen wun­der­vol­len Slo­gan zu Ehren von Les­ben um­ge­wan­delt: A day wit­hout les­bi­ans is like a day wit­hout sunshi­ne.

Und genau sol­che So­li­da­ri­tät brau­chen wir ak­tu­ell. Und genau das haben wir heute er­lebt: Les­ben, Bi­se­xu­el­le, Pan­se­xu­el­le, Schwu­le, Ase­xu­el­le, cis und trans Men­schen, non-​binäre Per­so­nen und in­ter­ge­schlecht­li­che Men­schen – Wir alle sind heute Seite an Seite durch Zü­rich ge­zo­gen und haben ein star­kes Zei­chen ge­setzt: Wir sind Viele, wir sind viel­fäl­tig und wir for­dern das Recht, so zu sein wie wir sind, ohne Dis­kri­mi­nie­rung, ohne Hür­den, ohne Hass und Ge­walt. Die­ser Mo­ment der So­li­da­ri­tät und der Quee­ren Freu­de ist eine wahn­sin­nig wich­ti­ge Er­fah­rung, eine will­kom­me­ne Pause nach Mo­na­ten mit an­stren­gen­den bis ab­wer­ten­den Dis­kus­sio­nen in den Me­di­en über gen­der­ge­rech­te Spra­che, den drit­ten Ge­schlechts­ein­trag oder die Drag Story Time.

Ihr habt das si­cher mit­be­kom­men. Im Vor­feld der Drag Story Time in Zü­rich haben rech­te und rechts­ex­tre­me Krei­se gegen die Ver­an­stal­tung ge­hetzt und Hass ver­brei­tet. Die Re­ak­ti­on war gros­se So­li­da­ri­tät und Un­ter­stüt­zung für die Ver­an­stal­tung. Über 450 Per­so­nen waren am Tag der Ver­an­stal­tung vor Ort und haben bunt und fried­lich ihre So­li­da­ri­tät aus­ge­drückt. Dank die­ser Un­ter­stüt­zung konn­te die Drag Story Time statt­fin­den und 100 Kin­der durf­ten dem bun­ten und wich­ti­gen Spiel mit Ge­schlech­ter­rol­len zu­se­hen.

Wir wol­len des­halb heute über So­li­da­ri­tät spre­chen.

So­li­da­ri­tät in der Com­mu­ni­ty be­deu­tet viele Dinge:

  • Wir hal­ten ge­nau­so zum 50-​jährigen Schwu­len, der an sei­nem Ar­beits­platz nicht ge­outet ist, wie wir zur ak­ti­vis­ti­schen Per­son mit 100 bun­ten Pins am Ruck­sack hal­ten
  • Queers und Al­lies mit und ohne Kin­der schüt­zen die Drag Story Time
  • Sin­gles set­zen sich für die Rech­te von Re­gen­bo­gen­fa­mi­li­en ein und ge­mein­sam kämp­fen wir für die An­er­ken­nung von viel­fäl­ti­gen Beziehungs-​ und Fa­mi­li­en­for­men
  • Meh­re­re tau­send Men­schen aus der Com­mu­ni­ty haben sich mit der LOS so­li­da­risch ge­zeigt, als wir letz­tes Jahr zu­erst kei­nen Wagen an der Pride er­hiel­ten
  • Es ist wich­tig, dass wir cis Men­schen auch For­de­run­gen mit­tra­gen, wenn sie uns nicht di­rekt be­tref­fen. Wie bei­spiels­wei­se ein drit­ter Ge­schlechts­ein­trag oder die Er­wei­te­rung der An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­straf­norm um Ge­schlechts­iden­ti­tät.
  • Wir müs­sen zu­sam­men­ste­hen und Queer­feind­lich­keit mit Ge­gen­re­de be­geg­nen. Auch das ist Teil von So­li­da­ri­tät, dass wir Feind­lich­kei­ten nicht ein­fach ste­hen las­sen – son­dern ent­ge­gen und da­ge­gen hal­ten.
  • So­li­da­ri­tät be­deu­tet, dass wir uns auch für ge­flüch­te­te quee­re Men­schen und ar­muts­be­trof­fe­ne quee­re Men­schen ein­set­zen
  • So­li­da­ri­tät heisst, zu­zu­hö­ren und dazu zu ler­nen, wenn wir kri­ti­siert wer­den

Als LOS sind wir über­zeugt, dass wir nicht nur die So­li­da­ri­tät in­ner­halb der LGBTQIA-​Community brau­chen, son­dern uns auch über Com­mu­nities und über Be­we­gun­gen hin­weg ver­bün­den und so­li­da­risch zei­gen müs­sen. Es ist wich­tig, dass wir ver­schie­de­ne Kämp­fe ver­bin­den. Die Kraft von Ge­mein­schaft und So­li­da­ri­tät haben diese Woche auch die 300’000 FLIN­TAS – Frau­en, Les­ben, inter, non-​binäre Per­so­nen und trans Men­schen – ge­zeigt, die am Mitt­woch in der gan­zen Schweiz am fe­mi­nis­ti­schen Streik teil­ge­nom­men haben und ge­mein­sam für eine fe­mi­nis­ti­sche und so­li­da­ri­sche Zu­kunft auf die Stras­se gin­gen. In der Streik­be­we­gung haben di­ver­se For­de­run­gen für eine gleich­ge­stell­te und dis­kri­mi­nie­rungs­freie Ge­sell­schaft Platz. Queer-​feministische So­li­da­ri­tät macht uns stark:

  • Les­ben set­zen sich für das Recht auf Ab­trei­bung ein, auch wenn es viele nicht selbst be­trifft
  • Fe­mi­nis­tin­nen set­zen sich für das Recht von Queers auf Asyl ein

Um nur zwei Bei­spie­le zu nen­nen.

Zum Schluss möch­te ich noch etwas über mein T-​shirt er­zäh­len, denn es ist der Be­weis von ge­leb­ter So­li­da­ri­tät. In den 80er Jah­ren haben in Eng­land die Koh­len­mi­neu­re ge­streikt. Da ein lan­ger Streik ir­gend­wann die Er­spar­nis­se weg­frisst, hat sich in Lon­don eine Grup­pe von Les­ben und Schwu­len zu LGSM zu­sam­men­ge­schlos­sen – Les­bi­ans and Gays Sup­port the Mi­ners – Les­ben und Schwu­le un­ter­stüt­zen die Mi­neu­re. Sie haben Geld ge­sam­melt für die Mi­neu­re. Mein T-​Shirt stammt üb­ri­gens von einem Be­ne­fiz ball, den LGSM in Lon­don ver­an­stal­tet hat. Wäh­rend die­ses Jaher – so lange hat der Streik ge­dau­ert – waren LGSM und die Mi­neurs­fa­mi­li­en aus Wales, die sie un­ter­stützt haben, immer wie­der in Kon­takt und haben sich ge­mein­sam be­sucht. Sie haben Freund­schaf­ten ge­knüpft und vie­les über ihre Le­bens­rea­li­tä­ten ge­lernt und dabei nicht nur die Un­ter­schie­de ge­se­hen – hier die Koh­len­mi­ne in Wales, hier die Gay­bars in Lon­don – son­dern sie haben auch fest­ge­stellt, dass sie etwas sehr, sehr Wich­ti­ges ver­bin­det: Beide Grup­pen kämpf­ten dafür, ein wür­de­vol­les Leben zu füh­ren und re­spek­tiert zu wer­den. Und ob­wohl So­li­da­ri­tät be­deu­tet, dass man eine Grup­pe aus Über­zeu­gung un­ter­stützt und nicht eine di­rek­te Ge­gen­leis­tung er­war­tet: Die Koh­len­mi­neu­re und ihre Fa­mi­li­en haben die So­li­da­ri­tät zu­rück­ge­ge­ben. Im Jahr dar­auf hat sich ihre Ge­werk­schaft dafür ein­ge­setzt, dass sich die Linke Par­tei of­fi­zi­ell für die Rech­te von LGBT-​Personen ein­setzt. Les­ben und Schwu­le hat­ten schon lange dar­auf­hin ge­ar­bei­tet, aber die So­li­da­ri­tät der Mi­neu­re hat es mög­lich ge­macht, einen wich­ti­gen Schritt wei­ter­zu­kom­men. Und dies in einer Zeit, als Mar­ga­ret That­cher queer-​feindliche Ge­set­ze ein­führ­te und gegen Queers hetz­te. Allen, die mehr über diese Ge­schich­te er­fah­ren möch­ten, emp­feh­le ich den Film “Pride” von 2014.

Die­ses Bei­spiel zeigt, wie wich­tig So­li­da­ri­tät ist, ge­ra­de in schwie­ri­gen Zei­ten. So­li­da­ri­tät kann die Dinge zum Bes­se­ren be­we­gen, auch wenn in den Me­di­en und in den Kom­men­tar­spal­ten ge­hetzt wird, auch wenn Hass für Wahl­kampf ge­zielt ver­brei­tet wird. So­li­da­ri­tät gibt Hoff­nung. Seien wir so­li­da­risch in­ner­halb der Com­mu­ni­ty.

Lasst uns so­li­da­risch sein mit an­de­ren Kämp­fen: anti-​rassistischen, für die Rech­te und Mit­spra­che von Mi­grant*innen und ge­flüch­te­ten Men­schen, für die Teil­ha­be und Rech­te von Men­schen mit Be­hin­de­rung.

Und an die Allys unter uns: Seid so­li­da­risch mit uns LGBTIQ-​Personen.

Ge­mein­sam sind wir stark.

14. Juni 2023

Nach den Ster­nen grei­fen!

Rede für den fe­mi­nis­ti­schen Streik 2023 in Aarau von Ales­san­dra Wid­mer (Co-​Geschäftsleiterin der LOS)

Mein Name ist Ales­san­dra und ich bin Co-​Geschäftsleiterin der Les­ben­or­ga­ni­sa­ti­on Schweiz, kurz LOS. Bei der LOS kämp­fen wir für die Rech­te von Les­ben, Bi­se­xu­el­len und quee­ren Frau­en in der Schweiz – und wir tun das stolz, sicht­bar und fe­mi­nis­tisch! Am 14. Juni, im Pride-​Monat und an jeden an­de­ren Tag im Jahr.

Kurze Con­tent Note: Ich spre­che in die­ser Rede Ge­walt und Queer­feind­lich­keit an, weil ich es wich­tig finde, diese The­men ak­tu­ell zu be­nen­nen, aber ich möch­te uns alle zum Schluss dazu er­mun­tern, nach den Ster­nen zu grei­fen. Es hört also po­si­tiv auf.

Ich bin sel­ber im Aar­gau auf­ge­wach­sen: Ich habe hier vie­les ge­lernt: Zum Bei­spiel Rhein­schwim­men und Rüeb­li­tor­te ba­cken. Aber vie­les habe ich auch nicht hier ge­lernt: Zum Bei­spiel, dass ich ei­gent­lich gar nicht auf Män­ner stehe. Und wie Fe­mi­nis­mus geht. Ihr zeigt mir aber heute, dass auch der Aar­gau fe­mi­nis­tisch und queer ist – und das gibt ge­ra­de mir so viel Mut und Zu­ver­sicht! Denn uns Fe­mi­nist*innen gibt es schon lange und wir sind ÜBER­ALL laut und wir kämp­fen ÜBER­ALL für un­se­re An­lie­gen.

Ich möch­te uns alle hier ein­mal kurz fei­ern: kön­nen wir ein­mal Lärm ma­chen * für alle Fe­mi­nist*innen im Aar­gau von Aarau bis Zurz­ach!* Und für alle Men­schen, die heute in der Schweiz strei­ken.

Zu­rück zu mir und die­ser Rede: Als Lesbe er­fah­re ich nicht nur Se­xis­mus, son­dern auch Queer­feind­lich­keit: Män­ner ma­chen mich nicht nur dumm an, weil sie mit mir ins Bett wol­len, son­dern weil sie gerne auch noch mir und mei­ner Freun­din gern dabei zu­schau­en wür­den, was wir im Bett ma­chen. Wenn ich für die LOS in den Me­di­en stehe, werde ich nicht nur als dicke Fe­mi­nis­tin be­schimpft, son­dern auch als häss­li­che Kampfles­be, die halt ein­fach kei­nen Mann ab­kriegt.

Fe­mi­nis­mus und LGBT-​Anliegen, quee­re An­lie­gen, sind für mich nicht trenn­bar: in mei­ner Exis­tenz, aber auch in un­se­rem Ak­ti­vis­mus. Und darum bin ich Queer­fe­mi­nis­tin. Denn das Pa­tri­ar­chat un­ter­drückt nicht mich als cis Frau sys­te­ma­tisch, son­dern auch viele an­de­re Men­schen: zum Bei­spiel nicht-​binäre Men­schen, ganz be­son­ders trans Frau­en, aber auch alle die les­bisch, bi­se­xu­ell, pan, queer oder schwul sind. Denn wir alle krat­zen in ir­gend­ei­ner Form an den Ge­schlech­ter­nor­men. Wir lie­ben frei, leben unser Ge­schlecht so wie wir wol­len, un­se­re Freund*innen sind un­se­re Fa­mi­li­en, und ei­ge­ne Kin­der haben wir auch noch. Wir kämp­fen gegen diese pa­tri­ar­cha­le Welt mit ihren un­ter­drü­cke­ri­schen Nor­men an. Denn es sind auch genau diese Nor­men, die dafür sor­gen, dass alle Frau­en – auch heute noch – we­ni­ger ver­die­nen, nicht ge­hört wer­den, Ge­walt er­fah­ren und klein ge­hal­ten wer­den.

Genau darum haben die quee­re und die fe­mi­nis­ti­sche Be­we­gung haben schon immer zu­sam­men ge­hört und zu­sam­men ge­hal­ten. Und ge­ra­de jetzt, müs­sen wir das un­be­dingt wei­ter­hin tun.

Denn ich muss euch ganz ehr­lich sagen, die Welt, in der wir heute leben, macht mir Angst:

  • Es ist Pride-​Monat, unser Si­cher­heits­kon­zept für die Demos ist mitt­ler­wei­le sei­ten­lang.
  • In Zü­rich müs­sen wir Nazis davon ab­hal­ten, Le­sun­gen für Kin­der zu stö­ren.
  • Im letz­ten Jahr wur­den der LGBTIQ-​Helpline fast drei­mal pro Woche queer­feind­li­che An­grif­fe ge­mel­det. Ein Drit­tel davon an trans Per­so­nen. Und seit der Juni be­gon­nen hat, be­kom­men wir fast täg­lich eine Mel­dung rein.

Und gleich­zei­tig hat eine der gröss­ten Schwei­zer Par­tei­en, die SVP, an­ge­kün­digt, dem ver­meint­li­chen  “Gender-​Terror” und “Woke-​Wahnsinn” den Kampf an­zu­sa­gen. An­schei­nend kön­nen Kon­ver­sa­ti­ve in die­sem Land nicht mehr frei spre­chen und das stört sie. Wäh­rend­des­sen kämp­fen wir in die­sem Land noch dafür, dass wir frei ab­trei­ben dür­fen, dass nicht-​binäre Men­schen exis­tie­ren und dass wir alle frei von Ge­walt leben kön­nen

Die Rech­te sucht sich in ihrem Kampf ein ab­sur­des Ziel nach dem an­de­ren aus – und über eins möch­te ich hier noch kurz spre­chen: Das Gender-​Sternchen! Denn davon habt ihr ja im Aar­gau letz­tes Jahr mehr als genug mit­be­kom­men: der Kan­ton hat nach ewi­gem Ge­me­cker von rechts die Ver­wen­dung des Gen­der­sterns an den Schu­len ver­bo­ten. Und die Junge SVP sam­melt auf einer Web­site Gen­der­ster­ne, um dann da­ge­gen vor­zu­ge­hen.

In die­ser Dis­kus­si­on geht es nicht um Spra­che und wie wir sie in­klu­si­ver ma­chen kön­nen. Diese Dis­kus­si­on um ein Zei­chen, ist ein An­griff auf Men­schen und ge­sell­schaft­li­chen Fort­schritt. Und die­ser Backlash, diese Angst und die­ser Hass, die hier ge­schürt wer­den, gehen uns alle etwas an: als Frau­en, als Queers, als Ge­sell­schaft. Denn wenn die Rech­te dem Gender-​Terror den Kampf an­sagt, dann meint sie nicht nur den Kampf um An­er­ken­nung und Rech­te der LGBT-​Community, sie meint auch die Gleich­stel­lungs­po­li­tik für Frau­en. Ge­mäss der SVP ste­hen “Mäd­chen und Frau­en ste­hen heute alle Mög­lich­kei­ten offen. Von einer Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts kann keine Rede mehr sein.” Müss­ten wir hier heute alle ste­hen, wenn das so wäre? Ich denke nicht.

Aber wir sind hier, und wir strei­ken. Weil das noch immer nötig ist. Wir brau­chen eine star­ke, laute, for­dern­de fe­mi­nis­ti­sche Be­we­gung. Wo wir zu­sam­men­ar­bei­ten, egal ob queer oder nicht. Wo wir zu­sam­men­hal­ten, egal wie sehr ver­sucht wird uns zu spal­ten mit sol­chen Ak­tio­nen.

Wir brau­chen einen Fe­mi­nis­mus der nach den Ster­nen greift: nach den Gen­der­ster­nen, aber auch nach vie­len an­de­ren:

Grei­fen wir zu­sam­men nach den Ver­ein­bar­keits­ster­nen, nach den Antirassismus-​Sternen, nach den Altervorsorge-​Sternen,  nach den Barrierefreiheits-​Sternen, nach den Stimmrecht-​für-alle-Sternen, nach den 34-​Stundenwoche-Sternen, nach den Rechte-​für-Sexarbeiter*innen-​Sternen, nach den Gratis-​Kinderbetreuung-Sternen, nach den Nulltoleranz-​für-sexualisierte Gewalt-​Sternen. Und nach vie­len wei­te­ren!

Das sind ganz schön viele Ster­ne in ver­schie­de­nen Uni­ver­sen, aber wir, wir sind auch viele. Unser Fe­mi­nis­mus, der nach den Ster­nen greift, an­er­kennt, dass wir nicht alle gleich sind, dass wir un­ter­schied­li­che, spe­zi­fi­sche Dis­kri­mi­nie­run­gen er­fah­ren. Und dass wir ne­ben­ein­an­der und mit­ein­an­der und für­ein­an­der kämp­fen kön­nen, Für ein bes­se­res Leben für uns alle: Dass wir alle gleich­ge­stellt, ge­sund, ab­ge­si­chert, stark, glück­lich und frei sein dür­fen.

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